Zugabe: Damals oder Zum Abzug der Russen

Wir hatten sie ja immer vor Augen und Nasen in der Leninstraße, die jetzt die Heinrich-Schütz-Straße ist. Das Aus und Ein der oftmals mit Benzin, nicht mal mit Diesel betriebenen schmutziggrünen, verbeulten LKW mit dem rot-weißen LOGO CA für Sowjetarmee, die gereckten Hinterteile der Fahrer, wenn wieder mal so eine Kiste liegengeblieben war, die ewigen Kolonnen zu Manöverzeiten: „Oktobersturm“, zusammen mit den Waffenbrüdern von der NVA. Wir wußten, dass sie nur selten, und dann nur trüppchenweise, Ausgang bekamen: Ohne Tritt marsch! Und dann gings zu einer Drushba mit Jungen Pionieren: Kleine weiße Friedenstaube. Wir wussten, dass sie Benzin gegen Schnaps tauschten, später sogar Pistolen samt Munition. Aber wir wussten auch, dass die Offiziere unseren Heine besser auswendig rezitierten als wir, wir wussten, dass sie in der Bahn Klassisches lasen, dass sie Klavier spielen konnten und beim Kasatschok Gummibeine hatten.

Die meisten von uns wussten nicht, wie dreckig es ihnen hinter ihren unsäglich getünchten Zäunen ging. Doch es gab den Sender „Radio Wolga“, der hierzulande auf Mittel- und Langwelle das Programm des Moskauer Estrade übertrug und zwischenhinein über die Belange der Mannschaften in den Kasernen plauderte. Und wer die russisch geschulten Ohren spitzte, vernahm etwa in einer Ratgebersendung, dem chronischen Vitamin- und Eiweißmangel könne man dadurch begegnen, dass man in einer Ecke des Kasernengeländes doch Weißkohl oder den eisenhaltigen Spinat anbaut – in jeder Kompanie gebe es schließlich Agronomen-Spezialisten. Auch sei das Halten einer Kuh zu erwägen. Das alles im Freundesland, wo wenigsten Kohl und Milch nicht gerade knapp waren.

Ich erinnere mich auch, dass Jahre später, bei einem Besuch in der Uni von Karaganda, Kasachstan, der dortige Lehrstuhlleiter für Deutsch vor Freude erglühte, als er vernahm, dass sein Gast aus dem früheren Karl-Marx-Stadt käme: Er hatte in Oberlungwitz bei der Panzer-Reparaturbrigade als Fahrer gedient, erhob das Glas auf die verflossene DDR und verweilte lange beim Ruhm jenes Bienenstich, den er jeden Tag beim Oberlungwitzer Bäcker gekauft hatte. Im Auftrag des gesamten Offizierskorps. Und er zeigte sich überzeugt, dass es mit dem Sozialismus nicht so schlimm geendet hätte, wenn in der Sowjetunion auch solcher Kuchen zu haben gewesen wäre ...

Wer weiß. Jedenfalls erinnern wir uns, wie sich die Kasernen nach und nach leerten, wie das Inventar, sofern nicht mitgeführt, von patriotisch gestiefelter deutscher Jugend kurz und klein geschlagen wurde, wie die Westalliierten in Berlin mit Pomp und Trara verabschiedet wurden, die Westgruppe der Sowjetarmee hingegen sang- und klang- und kanzlerlos.

Die Rote Armee, wie sie früher hieß. Die die Hauptlast des Sieges über den deutschen Faschismus getragen hat.